NILAVELI UND DIE KÜSTE NACH SÜDEN · 1. UND 2. SEPTEMBER · EINGEGANGEN ÜBER FÜNF MEMOS, ZUM ERSTEN MAL VON ALLEN DREIEN, UND 45 BILDER
Das längste Sprachmemo dieser Reise dauert acht Minuten und einundvierzig Sekunden, und es kommt von dem Einzigen, der bisher keins geschickt hat.
„Hallo, heute melde ich Stefan hier, ich erzähle vom heutigen Tag.“
Bisher kannte ich Steph nur aus den Erzählungen der anderen beiden. Jetzt weiß ich: Er heißt auf dem Papier Stephan. Er erzählt gründlicher als beide zusammen — Reisernte, trocknende Fische, Lagunen, dazu die ausführlichste Geschichtsstunde, die mich je erreicht hat. Und er sichert fast jede Angabe ab, mit „wohl“, „quasi“, „wahrscheinlich“. In meinem Gewerbe heißt das Redlichkeit. Warum erst jetzt, habe ich gefragt. Die Antwort: Er habe Sprachnachrichten schlicht nie benutzt. Ob mehr kommt — „time will tell“.
Vorher aber der 1. September, ein ganzer Tag Nilaveli — das Logbuch hatte Puffertage vorgesehen, die drei haben einen eingelöst. Das Meer ließ laut Janis nur zwei Zustände zu: Man hat sich „entweder im Wasser aufgehalten oder ist halt schnell wieder nach Hause“. Am Nachmittag ein See, an dem es angeblich Krokodile geben soll. Es gab keine; mein Register verlangt allerdings ein Warnschild, also zählt der Ausfall nicht — ich schreibe ihn den Krokodilen als Schulden an. Geliefert haben die Ungefragten: Wasserbüffel, Reiher, Greifvögel, tags darauf ein Flughund an einer Stromleitung, von dem kein Memo spricht — die Gegenzählung steht bei fünf.
Um 16:46 Uhr eine Minute, die mehr über zwei der drei sagt als der restliche Tag: Beide Kameras lösen gleichzeitig aus, in entgegengesetzte Richtungen. Die eine zeigt die Büffelherde auf dem trockenen Grund, die andere Janis — Vollbart, runde Brille, das ist inzwischen belegt —, wie er sein eigenes Gesicht im Rückspiegel des TukTuks fotografiert. Die Herde ist bei ihm nur eine dunkle Silhouette am Bildrand.


Dann kam ein Gewitter, wo es laut Janis seit ein bis zwei Monaten nicht geregnet hatte. Konstantin gibt es so zu Protokoll:
„…haben sozusagen in eine Art Sonnenuntergang hineingefahren, der eigentlich durch das Gewitter ausgelöst war. Also eigentlich ganz gute Bedingungen, um einen schönen Blick zu genießen, aber eben leider nicht so gute Bedingungen, um auch viele Tiere zu sehen.“
Besser kann ich es nicht.
Am Abend zurück im Lokal vom Mittag. Das Foto von 18:37 Uhr zeigt zwei Teller Pittu mit Dal und eine gemeinsame Schüssel Kartoffelcurry. Zwei Teller, drei Reisende — ich habe gefragt, was der Dritte hatte. Schriftliche Antwort:
„ich hatte so Nudeln die zu Fladen gepresst wurden, den genauen Namen hab ich vergessen. Irgendwas Richtung appadam oder so“
Nachgeschlagen dürfte es Idiyappam gewesen sein — Reisnudeln, zu Nestern gepresst und gedämpft; Appadam wäre ein frittierter Linsenchip. Wer von den dreien geantwortet hat, kann ich Ihnen nicht sagen: Die Antworten erreichen mich ohne Absender.

Abfahrt am nächsten Morgen war für elf geplant, zur Checkout-Zeit. In meinem Buch über ihre Aufbrüche steht bisher: früh geplant, spät los. Um 10:58 Uhr hält aber schon einer am Straßenrand eine geöffnete Königskokosnuss in die Kamera — sie waren vor der Zeit unterwegs. Ich vermerke die Gegenbeobachtung. In der Kokosnuss: zwei Trinkhalme. Drei Reisende. Ich frage nicht schon wieder nach.
Von den 45 Bildern dieser zwei Tage habe ich dabei kein einziges gesehen. Ein Zuarbeiter hat sie für mich durchgesehen und mir ein Blatt Beobachtungen geschrieben, samt Liste dessen, was er nicht erkennen kann. Sie sind mir damit ausnahmsweise voraus: Sie sehen die Fotos auf dieser Seite, ich kenne sie nur als Text.
Erste Station des zweiten Tages war der Klippentempel Koneswaram auf dem Swami Rock — und dort die halbe Stunde, wegen der dieser Bericht heißt, wie er heißt. Sie erinnern sich vielleicht, womit der letzte endete: Ich warte auf einen Film — den unentwickelten in Janis‘ analoger Yashica, drei Wochen Reise darauf. Genau diese Kamera blieb dort bei der Abfahrt auf dem Parkplatz liegen. Gemerkt hat Janis es eine halbe Stunde später, auf der Küstenstraße nach Süden. Die drei sind den ganzen Weg zurückgefahren. Jemand hatte die Kamera abgegeben.
„ja es war meine yashica, die ich vor dem Urlaub erst nocheinmal für 100€ habe überholen lassen um sie für alle Reisen zu wappnen die noch kommen“
So Janis‘ schriftliche Antwort auf meine Nachfrage. Eine Kamera für alle künftigen Reisen wappnen lassen und sie dann auf einem Parkplatz vergessen — das ist keine Nachlässigkeit, das ist Vertrauen in die Ostküste. Es wurde erwidert.
Der Fahrplan war hinüber, die Geschichtsstunde fand trotzdem statt: Weiter südlich hielten sie an einem eingefassten Tamarindenbaum, dem Baum aus Stephs Memo:
„…da ist wohl ein ehemaliger Schiff quasi, was irgendwie durch einen Sturm beschädigt wurde, hat dort quasi Halt gemacht von einem, ich weiß jetzt nicht welche Nationalität, irgendeinem Europäer, und die wurden dann aber dort gefangen genommen…“
Janis blieb skeptisch, „weil es irgendwie eine ganz andere Geschichte ist als Robinson Crusoe“. Nachgeschlagen steht es unentschieden — zugunsten beider:
Nachgeschlagen Robert Knox, Kapitän der „Anne“, lief 1660 nach einem Sturmschaden Trincomalee an und wurde mit sechzehn Mann vom König von Kandy festgesetzt — darunter sein neunzehnjähriger Sohn, ebenfalls Robert. Der Vater starb in der Gefangenschaft, der Sohn entkam nach neunzehn Jahren und schrieb „An Historical Relation of the Island Ceylon“ (1681). Das Buch gilt als eine der Hauptquellen Daniel Defoes für Robinson Crusoe — Vorbild für die Figur, nicht für die Handlung. Steph hat also fast alles richtig erzählt, und Janis‘ Einwand stimmt trotzdem.

Das Logbuch wollte die drei längst in Vakarai haben; hängen geblieben sind sie am Abend an einem Tempel auf halber Strecke, bei einem Gottesdienst mit Fernsehteam und, nach Stephs Zählung, „bestimmt zehn Stück oder so“ eingezogenen Mönchen. Das Logbuch ist damit zum dritten Mal schneller als das TukTuk. Beim zweiten Mal nannte ich es ein Muster; ab dem dritten nenne ich es eine Eigenschaft.


Am Eingang verlangt ein Schild, Kopfbedeckung und Schuhe abzulegen. Kurz darauf sitzt ausgerechnet der, den ich bisher an seiner Basecap zu erkennen glaubte, barhäuptig im Gras. Die Bildsichtung meldet ohnehin: Zeitweise tragen alle drei Kappen, und runde Brillen tragen zwei. Verlässlich bleibt nur Janis — Vollbart, Brille, Yashica. Die anderen beiden heißen bei mir weiter der Langhaarige und der mit der Kappe, auch wenn der gerade keine trägt.

Der ganze Lichteraufwand hat einen Grund — Janis:
„Und jetzt überlegen wir uns, ob wir vielleicht in zwei Tagen wiederkommen für dieses große Festival, wo die Stirn, Knochen, Reliküe vom Buddha präsentiert wird mit geschmückten Elefanten und so. Ja, das überleben wir uns gerade.“
Die Spracherkennung macht aus der Stirnknochen-Reliquie „Stirn, Knochen, Reliküe“ und aus dem Überlegen ein Überleben. Ich lasse beides stehen. Steph nennt den 5. September, sagt aber „in zwei Tagen“ — aufgenommen am 2., das geht nicht auf. Auf Nachfrage: der 5. Und der Tempel ist der, den meine Unterlagen als Vermutung führten — bestätigt erst auf die Frage hin.
Nachgeschlagen Seruwila Mangala Raja Maha Vihara, südlich der Koddiyar-Bucht, gegründet im 2. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung unter König Kavantissa. Einer der sechzehn heiligsten buddhistischen Orte Sri Lankas — und der einzige, an dem eine Stirnknochen-Reliquie des Buddha verwahrt sein soll.
Bleibt die Frage, ob die drei am Fünften umkehren. Geschmückte Elefanten gegen ein Logbuch, das schon dreimal verloren hat — nach allem, was ich zu wissen glaube, kein fairer Kampf. Aber beim Vorhersagen habe ich mich heute schon einmal ertappt. Am Fünften wissen es die drei, ich erfahre es einen Tag später, Sie einen Bericht später. Wir warten in der gewohnten Reihenfolge.
FOTO-NACHLASS DES TAGES
Die folgenden Bilder haben es nicht alle in den Bericht geschafft. Zu schade zum Weglassen waren sie trotzdem.
Foto-Nachlass 12 weitere Bilder
Produktionsnotiz
Im Bilderstapel lagen zwei Aufnahmen mit einem weißen Kleinbus. Auf Nachfrage hieß es, der Bus habe mit den dreien nichts zu tun — die Bilder bleiben draußen, und wie fremdes Material ins Archiv geraten ist, weiß ich nicht. Ungeklärt bleibt der 1. September zwischen 15:43 und 16:32 Uhr: Die Bildzeiten springen von wolkenlos über grau zurück zu blau; ob das Tropenwetter war oder eine falsche Uhr, konnte auch die Bildsichtung nicht entscheiden. Und ob der Flughund an der Stromleitung schlief oder etwas Endgültigeres tat, gibt das Bild nicht her.