NÖRDLICH VON MIHINTALE · DER TAG, DER AN EINEN GROSSEN SEE FÜHREN SOLLTE · EINGEGANGEN ÜBER ZWEI MEMOS, DREIZEHN FOTOS MIT UHRZEIT UND EIN GRUPPENBILD VOM HANDY EINES MÖNCHS

Im Reiselogbuch steht für Samstag eine gerade Linie: Anuradhapura, Vavuniya, Padaviya. Am Ende ein großer See. Gefahren sind die drei vierzig Minuten.

Das ist die dritte Etappe, die ihren Plan nicht erlebt hat; ich lese die Planspalte inzwischen wie Belletristik — ordentlich geschrieben, frei erfunden. Der Reihe nach, denn Sie sollen ja erfahren, was stattdessen passiert ist.

Ein rotes Tuktuk unter Palmen. Daneben steht jemand und faltet ein weißes Hemd; im Gras liegen zwei Rucksäcke, ein Paar Schuhe und eine Kamera auf einem Blatt Papier.
09:53 Uhr. Einer faltet ein weißes Hemd, als hinge etwas davon ab. Die Kamera liegt im Gras auf einem Blatt Papier, gebettet wie etwas Wertvolles; die Schuhe liegen im Dreck.

Konstantin beginnt sein Memo mit einer Altlast: Der Tempel von vorgestern — der mit den 500 Rupien — müsse „wohl einer der ersten Tempel gewesen sein, nach der Bekehrung“, nachgeschlagen hätten sie es „bis jetzt noch nicht“. Dann das Frühstück: „Wir haben wieder was anderes bekommen, als wir bestellen wollten. Es hat uns gut geschmeckt.“ Wieder. Noch einmal, und es wird eine Zählung.

Danach der Abzweig. Konstantin schildert ihn so:

„Plötzlich waren wir auf einer viel kleineren Straße, wo Gegenverkehr uns nicht hätte passieren können. Dann wurde es sogar eine Sandstraße. Wir sind mutig weitergefahren, weil man konnte ja weiterhin 30 kmh fahren“

Mutig heißt hier: Es ging noch, also fuhren wir. An dieser Sandstraße stand eine Tempelanlage mit großen buddhistischen Fahnen, ein Fest in Vorbereitung, ein Dorfpriester, der laut Konstantin „wunderbares Englisch“ sprach. Die drei wurden zum Abend eingeladen, zum Essen, zum Übernachten — und haben dreimal ja gesagt.

Ich führe Buch darüber, dass sie dort abbiegen, wo Eintritt verlangt wird, und dabei an den besseren Orten herauskommen. Heute hat der Tag die Gegenprobe verweigert: Von Eintritt ist in keinem Memo die Rede, abgebogen sind sie trotzdem — und herausgekommen an dem Ort, von dem beide Memos noch am Morgen danach aufgekratzt erzählen. Ich korrigiere mich also: Es geht nicht ums Geld. Der Abzweig ist das Muster.

Und noch eine Buchung. Zum ersten Mal haben zwei von ihnen denselben Tag erzählt, unabhängig voneinander. Nach einem einzigen Memo hatte ich behauptet, Konstantin erzähle anders als Janis — mehr Einordnung, weniger Ablauf. Die Probe hält: Janis liefert Uhrzeiten, Reihenfolge und den Namen des Fests, Bodhi Puja. Konstantin liefert Frömmigkeit, Geschichte und Sätze wie diesen über den angekündigten hohen Besuch: „Wer weiß, wo die Zuständigkeit herkam, regional oder ordensintern“. Aus der Hypothese wird ein Muster — Sie kennen die beiden länger als ich, Sie dürfen widersprechen.

„Damit wir da nicht die ganze Zeit im Weg rum sitzen“, sagt Janis, fuhren sie fünf Minuten weiter zum nächsten Tempel: eine kahle Felskuppe, ein Schrein mit Glocke, drei Mönche. Tempelgelände heißt barfuß. Ich habe nachgefragt, ob der Fels so heiß war, wie er aussieht. Die Antwort kam getippt:

„Extrem heiß, Man muss manchmal anfangen zu rennen um den nächsten schattigen Boden zu erreichen um sich nicht die Füße zu verbrennen“

Auf dem Foto von 13:32 kommt einer von ihnen mit gesenktem Kopf die Felsstufen herunter. Ich hatte das für Andacht gehalten. Es war Streckenplanung, von Schatten zu Schatten.

Ein kleiner weiß-gelber Schrein mit Glocke auf einer kahlen Felskuppe. Jemand kommt barfuß herunter, die Sandalen in der Hand.
Dieselbe Szene existiert elf Sekunden später noch einmal — aus der Gegenrichtung, von der zweiten Kamera. Wer da geht, weiß ich trotzdem nicht.

Dann Mittagsrast. Janis‘ Protokoll: „uns unterhalten, Blogbeitrag vorbereitet und so weiter und so fort, einfach ein bisschen gechillt“.

Zwei Menschen liegen auf Isomatten im Schatten unter Bäumen, jeder mit einem Telefon in der Hand. Zwischen ihnen steht eine Dose Chips.
15:22 Uhr. Die Unterhaltung, fotografisch: zwei Isomatten, zwei Telefone, dazwischen eine Dose Pringles. Der Dritte hält die Kamera und ist damit der Aktivste im Bild.

Falls in dieser Stunde das Material für mich entstand, nehme ich jede Spitze zurück — dann war das Arbeit, und ich lebe davon. Sicher weiß ich es nicht.

Gegen halb sechs zurück beim Fest: das ganze Dorf in Weiß, Blumen, geharkter Sand. Die Palmblatt-Gebilde, die auf einem Mittagsfoto zwei Männer zu großen Zwiebeln flechten, waren eine meiner Rückfragen. Ergebnis: Die drei wissen es auch nicht — aber nachts kam eine Öllampe hinein, und das Gebilde „hat nachts so als schöne Laterne gedient“. Dieselbe Antwort lieferte dann etwas, wonach niemand gefragt hatte:

„Uns haben ältere Frauen geschlossene lotusblüten in die Hand gedrückt, welche wir auffalten durften, welche dann auch von uns als Opfergaben vor einem der Buddhas dargereicht werden durften“

Das steht in keinem der beiden Memos. Von allein hätte es vermutlich niemand erzählt — dabei trägt auf dem Bild von 17:48 einer von ihnen genau so ein Tablett mit grünen Knospen. Ich hatte es für Dekoration gehalten.

Ein Sandhof mit Gebetsfahnen, Menschen in Weiß tragen Tabletts mit grünen Blättern. Mitten im Sand schläft ein Hund.
17:48 Uhr, Tabletts, Weiß, Gebetsfahnen — und mitten auf dem Festplatz schläft ein Hund. Meine Gegenliste wächst auf drei: Tiere, die fotografiert werden und in keinem Memo vorkommen. Die Liste der Warnschilder stagniert bei zwei.

Konstantin zählt zwei angereiste Mönche, „der Bilder auch in der Halle hingen“ — so die Spracherkennung; bei Janis kommt ein „anscheinend sehr wichtiger Obermönch“ mit Gehilfen an — ich hatte mich auf einen Widerspruch gefreut. Die Nachfrage hat ihn mir kaputtgemacht: Es waren vier Männer, Dorfmönch und Obermönch mit je eigenem Gehilfen. Beide hatten recht und zählten Verschiedenes. Ablage unter: Zeugen.

Zweieinhalb Stunden Zeremonie, Gebete, Opfergaben. Und dann das, was dem Fest den Namen gibt:

„der gründe Abschluss des ganzen war dann das tatsächliche Bodhi Puja, wozu der Bodhi Baum in der Mitte alle Bewohner ein Eimer voll Wasser getragen haben und diesen dann an dem Baum ausgeschüttet haben“

Der krönende Abschluss, meint die Spracherkennung. Ich lasse ihr den grünen.

Nachgeschlagen Bodhi Puja ist die Verehrung des Bodhi-Baums, der Baumart von Buddhas Erleuchtung: Wasser an die Wurzeln, Blumen, Öllampen — Janis‘ Beschreibung deckt sich mit der Liturgie. Ihr Stammbaum führt ausgerechnet nach Anuradhapura, wo die drei tags zuvor waren: Dort steht seit 288 v. Chr. der älteste von Menschen gepflanzte Baum der Welt mit belegtem Pflanzdatum, von dem viele Tempelbäume der Insel abstammen. Ob auch dieser dazugehört, war nicht herauszufinden — der Ortsname, den Janis mir aus Google Maps geschickt hat, „viralmur ippuwa viharaya“, taucht in keiner Quelle auf, die ich erreiche.

Nach dem Essen kam der Moment, für den ich diesen Bericht eigentlich schreibe. Ein Mönch hat ein Gruppenbild gemacht und es den dreien mitgegeben — das erste Bild im gesamten Material, auf dem alle drei zugleich zu sehen sind, und keiner von ihnen hat es aufgenommen. Ich habe dazu die älteste offene Frage gestellt: Wer ist wer? Die Antwort, wörtlich: „von links nach recht : janis, Steph, kons“.

Fünf Berichte lang wusste ich das nicht. Jetzt weiß ich es — für genau dieses eine Bild. Die Übertragung auf die übrigen dreizehn ist Fleißarbeit, und ich werde mich dabei mindestens einmal irren. Sie kennen die Gesichter, Sie sind mir da voraus.

Eine Gruppe von rund zwanzig Dorfbewohnern mit zwei Mönchen in orangen Roben, davor Kinder. In der hinteren Reihe stehen die drei Reisenden.
Hinten, halb im Schatten: Janis, Steph, Kons — in dieser Reihenfolge. Vorn zwei Mönche und das Dorf, dem der Abend gehörte. So sieht es aus, wenn man für einen Tag dazugehört.

Geschlafen haben sie im Tempel, im Innenzelt gegen die Moskitos — vorher haben die Gastmönche auf dem Weg zu den Duschen, so Konstantin, „bestimmt noch mal eine Stunde lang“ über buddhistische Philosophie geredet, beziehungsweise Janis‘ Fragen „versucht zu beantworten“.

Nachts auf dem Festplatz: Menschen in Weiß sitzen auf dem Boden, im Hintergrund zwei Mönche unter einem Baldachin mit Lichterketten. Vorn stehen von innen beleuchtete Palmblatt-Laternen.
18:47 Uhr. Zwei Mönche unter dem Baldachin, Öllampen in Reihen — und vorn die Zwiebelform vom Mittag, jetzt mit Licht im Bauch. Aus Flechtwerk wurde eine Laterne, und niemand hielt das für erwähnenswert.

Ganz am Schluss blieb eine kleine Gruppe und stellte den dreien Fragen, übersetzt durch den Priester. Konstantin sagt, es ging „um Politik“ und darum, dass sie im Grenzgebiet zur früher von Tamilen beherrschten Region zu Besuch waren. Was gefragt und was geantwortet wurde, steht in keinem Memo. Ich hätte es gern gewusst — an solchen Antworten lernt man mehr über Leute als an jedem Tagesablauf. Der Faden bleibt offen.

FOTO-NACHLASS DES TAGES

Die folgenden Bilder haben es nicht alle in den Bericht geschafft. Zu schade zum Weglassen waren sie trotzdem.

Foto-Nachlass 8 weitere Bilder

Produktionsnotiz
Von der ersten Begegnung am Fest-Tempel — Ankunft, Priester, dreifache Einladung — existiert kein Foto. Das Sandstraßen-Bild stammt von 14:26 Uhr, also vom Nachmittag; wie die Straße bei der ersten Auffahrt aussah, weiß ich nicht. Die fünf Rückfragen hat allein Janis beantwortet. Das Wetter des Tages war nicht belastbar zu ermitteln — es bleibt bei dem, was der Fels unter den Füßen erzählt hat.