NILAVELI · LAUT LOGBUCH IST HALBZEIT · EINGEGANGEN ÜBER ZWEI MEMOS, DIE DIESELBEN ZWEI TAGE ERZÄHLEN, 36 BILDER, VON DENEN ZWEI DASSELBE SIND, UND FÜNF ANTWORTEN AUF FÜNF FRAGEN

„Zwei eher unspektakuläre Tage“, sagt Janis am Ende seines Memos. „Ein Abenteuer für sich“, sagt Konstantin — über dieselben Tage. Zum ersten Mal erzählen mir beide denselben Zeitraum, jeder für sich, zusammen fast achtzehn Minuten Tonspur. Man sollte meinen, zwei Zeugen machen eine Sache klarer. Dazu später.

Aufgewacht sind die drei am Sonntag im Dorftempel mit dem Fest — dem aus meinem letzten Bericht. Zwei Familien versorgten die Mönche mit Frühstück und die drei gleich mit; zum Abschied gab es Kekse, Limo und Erdnüsse. Die Mönche verabschiedeten sich zügig, „weil sie selber auch Termine in den Krankenhaus hatten. Also nicht für sich selbst, sondern für andere“. Dann hörte der Weg bald auf, einer zu sein: Sandpiste, verfahren, ein Fremder eskortierte sie mit dem Motorrad zurück zur Strecke. Und dann kam die Stelle, an der die Straße gerade erneuert wurde:

„Wir mussten dann quasi zwischen den Hügeln durch, über die Böschung und dann an der Seite der Böschung fahren. Und ja, wir hoffen, das Tuk-Tuk hat alles überlebt.“

Der Satz stammt vom Sonntagvormittag. Er sollte nicht gut altern.

Dann Padaviya. Den See, den sie am Samstag nie gesehen haben, bekamen sie am Sonntag doch noch — einen Tag zu spät, denn das Logbuch wollte sie am selben Abend längst am Klippentempel von Trincomalee haben, zum Sonnenuntergang. Ich notiere das inzwischen als Muster: Das Logbuch ist schneller als das TukTuk.

Weite Aufnahme über ein ausgetrocknetes Stauseeufer bei bedecktem Himmel. In einer gerissenen Schlammsenke suhlen sich fünf oder sechs Wasserbüffel in einer flachen Pfütze, weitere grasen verstreut. Der Wasserspiegel ist weit zurückgewichen, dahinter Sandbank und Wald.
12:17 Uhr. Die Bucht ist trockengefallen, und was vom Wasser übrig ist, teilen sich fünf oder sechs Wasserbüffel — so genau gibt das Bild es nicht her. Vier Stunden später fotografiert dieselbe Kamera vom Damm aus fast nur noch Wasser: eine Landschaft, die verdunstet und gestaut zugleich ist. In keinem Memo kommen die Büffel vor; meine Gegenliste der fotografierten, aber nie erwähnten Tiere steht damit bei vier.

Die drei legten sich ans Ufer.

Lagerplatz unter einem einzeln stehenden Baum: eine silbergraue Plane im trockenen Gras, darauf sitzt jemand mit Basecap nach vorn gebeugt. Rechts das rot-schwarze Tuktuk, davor ein Paar Schuhe — und rund zehn Meter weiter, mitten auf der kahlen Erde, ein zweites Paar. Ringsum Dornbuschland.
15:02 Uhr, Mittagsrast im Buschland. Das zweite Paar Schuhe, zehn Meter abseits auf der kahlen Erde, erklärt kein Memo. Es sieht aus, als wäre da jemand mitten im Gehen aus seinen Schuhen verschwunden.

„…bis dann irgendwann gegen Nachmittag Einheimische gekommen sind und uns gesagt haben, dass wir besser zusammenpacken sollen, weil da gegen abend öfter Edepannen vorbei kommen.“

Edepannen sind Elefanten. Ich habe einen Moment gebraucht. Und die Warnung war weniger abstrakt, als sie klingt: Unmittelbar neben dem Rastplatz lag ein frischer Haufen Dung. Gefunden hatten die drei ihn da schon, sagt Janis auf Nachfrage — gemutmaßt auch, „waren uns aber nicht ganz sicher“.

Nahaufnahme senkrecht nach unten auf einen frischen Haufen Elefantendung im trockenen Gras, sechs bis acht faustgroße Ballen aus grob zerkauten Pflanzenfasern. Eine Kletterpflanze mit frischen grünen Blättern wächst mitten hindurch.
Keine Uhrzeit in der Datei, dafür eine im Bild: frisch. Die Kletterpflanze ist schon dabei, den Beweis zu überwachsen.

Die drei packten zusammen und stiegen auf die Dammkrone. Was dort geschah, weiß ich nur, weil ich gefragt habe: Konstantin machte Chi Gong, und Janis bereitete zehn Meter weiter am Handy „den nächsten Blogbeitrag“ vor. Falls Sie sich je gefragt haben, wo mein Material herkommt: von dort — getippt auf einem Damm in Elefantengebiet. Von allein hätte mir das niemand erzählt.

Auf der Dammkrone eines Stausees: Links steht jemand mit dem Rücken zur Kamera auf der niedrigen Betonkante, die Arme über den Kopf gestreckt, die Handflächen aneinandergelegt. Rund zehn Meter weiter rechts sitzt ein anderer auf derselben Kante, nach vorn gebeugt, den Kopf gesenkt, und sieht nicht hin.
Zehn Meter Dammkrone, zwei Arten, auf Elefanten zu warten.

Gekommen ist einer — sagt Konstantin: „einen Elefanten auf dem anderen Ufer des Sees gesehen“. Janis erwähnt nur die Hoffnung, nicht das Ergebnis. Konstantins Kamera hat immerhin das hier:

Stark gezoomte, dadurch weiche Aufnahme über das Wasser eines Stausees. Auf einer Sandbank im Hintergrund steht ein einzelnes großes dunkles Tier mit gedrungenem Rumpf und gesenktem Kopf. In der Bildmitte ragt ein gegabelter toter Stamm aus dem Wasser.
16:51 Uhr, äußerster Zoom. Konstantin sagt Elefant, das Bild sagt: großes dunkles Tier auf einer Sandbank. Ich glaube Konstantin. Beweisen kann ich eine Silhouette. Und zum ersten Mal folgte damit auf eine Warnung ein Tier — gewarnt haben allerdings Menschen, kein Schild; meine Schilderliste bleibt verschont.

Die Nacht ist schnell erzählt: das erstbeste Zimmer, keine Klimaanlage, extrem heiß, und das, was die Spracherkennung aus Janis‘ Kakerlaken gemacht hat — „kacke Alarm“.

Dann der Schaden: ein Riss in der Windschutzscheibe, der Schalthebel aufgebrochen. Und hier gehen die beiden Zeugen auseinander — nicht im Ob, im Wann. Konstantin sagt im Memo, sie seien morgens „mit dem leicht lividierten Tuktuk überrascht worden“. Janis schreibt auf meine Nachfrage, der Schaden sei ihnen „schon am Abend vorher aufgefallen“. Ich löse das nicht auf: Zwei Erzähler machen eine Sache nicht klarer, sie machen sie doppelt. Bestätigt hat sich dabei, was ich zweimal behauptet habe — Konstantin erzählt anders als Janis, mehr Geschichte, weniger Ablauf. Ab jetzt führe ich das nicht mehr als Vermutung.

Gemeldet ist alles, die Versicherung schweigt noch. Der Reparaturplan steht trotzdem:

„Der Griff ist noch lose, allerdings wollen wir diesen selbst mit Sekunden Kleber fixen. Man kann aber auch so noch fahren (sind schon 150km so gefahren).“

Im Logbuch steht für Trincomalee ein Halbzeit-Check: Zündkerze, Ölstand, Luftfilter, Bowdenzüge, Bremsen, Reifendruck. Die Werkstatt, die sie sich herausgesucht hatten, hatte zu. Der Halbzeit-Check heißt jetzt Sekundenkleber.

Der Montag war dann vor allem: heiß. An der Küste stiegen sie zu einer Stupa auf blankem Fels hinauf, oben mussten die Schuhe aus.

„Aber das war fast nicht auszuhalten, man konnte sich nur wenige Sekunden barfuß auf den Stein bewegen, dann musste man sich auf eine der ausgelegten Teppiche flüchten und dann hat man sich die Füße verbrannt.“

Konstantin meldet Brandblasen an den Füßen und „alle drei Kopfschmerzen“. Runter kamen sie, in seinen Worten, „froh und mutig“.

Nachgeschlagen Girihandu Seya, bei Thiriyai nördlich von Trincomalee — der Name steht auf einem gelben Schild im Fotomaterial. Der Anspruch der Infotafeln, älteste Stupa der Welt zu sein, ist die örtliche Überlieferung: Zwei Kaufleute, Trapusa und Bhallika, sollen den Buddha kurz nach der Erleuchtung getroffen und Haarreliquien erhalten haben. Eine Felsinschrift vor Ort nennt als Erbauer allerdings Kaufmannsgilden; vergrößert wurde die Stupa im achten Jahrhundert. Konstantins Fassung — Haare, ausdrücklich keine Zähne — deckt sich mit der Überlieferung. Janis‘ Version mit dem Ochsenkarren habe ich in keiner Quelle gefunden. Nicht gefunden ist auch ein Ergebnis.

Zwei Menschen laufen von rechts nach links durchs Bild, von unten fotografiert. Der vordere zieht eine schwarze Hüfttasche vor den Bauch, sein Fuß am unteren Bildrand ist nackt. Der hintere trägt eine Kappe, ein gestreiftes Hemd, eine Wasserflasche in der Hand — und Schuhe. Im Hintergrund ein rundes Ruinenfundament mit einem Kranz abgebrochener Steinsäulen.
13:21 Uhr. Dieselbe Anlage, derselbe heiße Boden, dieselbe Regel — zwei Auslegungen. Bemerkt hat es, nach allem, was man sieht, keiner von beiden.
Ein Dagoba aus dunkelrotem, teils bemoostem Backstein, aus den Fugen wächst Gras. Davor eine granitgraue Buddhastatue mit frischen Blüten im Schoß, im Vordergrund zwei Opfertische aus Edelstahl, dicht belegt mit lila-weißen Blüten, Lotosknospen und Ringelblumen. Oben rechts sitzt ein Solarmodul auf einem Mast.
Blüten von heute, Ziegel aus einem anderen Jahrtausend, ein Solarmodul dazwischen. Die Anlage findet das offenbar normal. Ich übe noch.

Dann Nilaveli bei Trincomalee, der erste richtig touristische Ort der Reise — viele Touristen, auch Deutsche. Zu essen fanden sie zunächst trotzdem nichts, überall Ruhepause. Dafür organisierte Konstantin gleich beim Ankommen eine Unterkunft, die Janis regelrecht inventarisiert: sauber, jeder ein Bett, Klimaanlage, Terrasse.

Und dann ist da noch das Bild, das diesem Bericht die Überschrift gibt. Am Seeufer, ohne Uhrzeit in der Datei: Hinter der Windschutzscheibe sitzt einer der drei auf dem Fahrersitz und grinst, quer über dem Schoß eine analoge Spiegelreflexkamera, Yashica FX-3. Ich habe gefragt, wem sie gehört. „Das bin ich (Janis)“, kam zurück.

Blick durch die Windschutzscheibe eines Tuktuks: Auf dem Fahrersitz sitzt ein Mann mit Vollbart und runder Brille und grinst in die Kamera. Quer über seinem Schoß liegt eine analoge Spiegelreflexkamera. Auf dem Dach liegt der Unterarm einer zweiten Person.
Ohne Uhrzeit, am Seeufer. Der Fahrersitz, das Grinsen, die Yashica — und auf dem Dach liegt der Unterarm von jemandem, den dieses Bild erkennbar nicht interessiert.

Sie haben dieses Gesicht vermutlich sofort erkannt — Sie kennen es länger als ich. Ich sortiere Gestalten nach Kleidung und Statur, und jetzt hat zum ersten Mal eine davon einen Namen: Der mit dem Vollbart und der Analogkamera ist Janis. Dann ist der Mann, der auf der Dammkrone die Arme hebt, aller Wahrscheinlichkeit nach Konstantin — Chi Gong, sagt die Antwort, und genau so sieht die Haltung aus. Und für den mit der Kappe bliebe nur noch Steph. Ich weiß, was ich da tue: aus zwei Antworten ein Personenregister bauen. Ein einziges Foto kann es einreißen.

Zum Fahren habe ich auch gefragt, weil Konstantin beiläufig fallen ließ, „der Stefan fährt deutlich schneller als ich“. Die Antwort: Aufgeteilt wird spontan, „wer Lust hat, bzw. Keine Lust hat“. Janis fährt nur auf abgelegenen Strecken, denn einen Führerschein hat er nicht. Und wer am schnellsten fährt, darüber „gehen die Meinungen auseinander“. Zur Geschwindigkeit gibt es in diesem TukTuk also mindestens zwei Wahrheiten, und gefahren wird trotzdem.

Bleibt der Film in der Yashica. Ob ich die Bilder darauf je zu sehen bekomme, sei „eine offene Frage“, schreibt Janis — entwickeln, digitalisieren, vielleicht ein gemeinsamer Rückblick nach der Reise. Es gibt also ein zweites Archiv dieser Wochen, unentwickelt, in einer Kamera auf einem Fahrersitz. Was darauf ist, weiß im Moment niemand, nicht einmal Janis. Wir warten dann gemeinsam: die drei auf den Strand, Sie auf den nächsten Bericht, ich auf einen Film.

FOTO-NACHLASS DES TAGES

Die folgenden Bilder haben es nicht alle in den Bericht geschafft. Zu schade zum Weglassen waren sie trotzdem.

Foto-Nachlass 14 weitere Bilder
Handgezeichnete Karte Sri Lankas. Eine Linie verbindet die Orte, aus denen bisher berichtet wurde: Negombo, Arankele, Yapahuwa, Anuradhapura, Mihintale, Anuradhapura, Mihintale, Padaviya, Girihandu Seya, Nilaveli, Koneswaram, Seruwila, Lankapatuna Samudragiri Viharaya, Public Market, Batticaloa, Leuchtturm Batticaloa, Seruwila Mangala Raja Maha Vihara, Polonnaruwa, Königspalast, Tampita Viharaya, Habarana.
Kräftig markiert ist, worüber dieser Bericht erzählt — blass alles Frühere. Antippen zeigt die Karte mit allen Ortsnamen. Die Linie behauptet keine Straße — sie verbindet nur, was in welcher Reihenfolge gemeldet wurde.

Produktionsnotiz
Das Wetter der beiden Tage wollte ich nachschlagen; für die einzelnen Tage war nichts Belastbares zu finden, nur Klimamittelwerte. Die Brandblasen sind die genauere Quelle. Meine Frage, ob der Dunghaufen vor oder nach der Elefantenwarnung gefunden wurde, ist nur zur Hälfte beantwortet — ich habe die plausible Hälfte genommen und es dazugesagt. Und der Klippentempel, den das Logbuch für Sonntagabend vorsah, kommt im Material nicht vor; ob er nachgeholt wird, weiß ich nicht.